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1. Warum Lesen?


Lesen ist nicht nur eine Freizeitbeschäftigung – es ist eine Grundfähigkeit des Menschen. Selbst in Zeiten von Videoportalen, computergenerierten Kinofilmen wird immer noch ein Großteil des Wissens unserer Gesellschaft über das geschriebene Wort verbreitet: In Schulbüchern, die Kinder lesen, in Sachliteratur, die von Fachleuten und Laien genutzt werden, um sich neues Wissen zu erschließen, sowie Diskursen zu Politik, Wirtschaft, Kultur, Medien und vielem mehr, die über Buch und Presse geführt werden und an denen jeder, der dafür nur lesen können muss, teilhaben kann.
Insgesamt bietet Lesen einen vergrößerten Zugang zur Sprache- und damit zu den Möglichkeiten, das Denken mit Hilfe der Sprache weiter ausgestalten zu können..Lesen vergrößert nicht nur den Wortschatz, sondern das Verständnis komplexer Satz- und Textstrukturen sorgt auch für ein besseres Verständnis der dahinter liegenden Denkstrukturen. Zusammen mit (durch Lesen angeeignetes) Wissen wird somit das Verstehen und Lernen in jedem Lebensalter und jeder Situation erleichtert.
Neben der bloßen Wissensvermittlung von Mensch zu Mensch kann Lesen auch dabei helfen, Persönlichkeit zu formen. Wissen, Ideen, Theorien und Diskussionen bereichern das Bewusstsein eines Menschen. Literatur lässt ihn an der eigenen sowie einer fremden Kultur im allgemeinen sowie den Gedanken, Gefühlen und Vorstellungen anderer teilhaben. Poesie berührt den Menschen und erweitert seine Empfindungsfähigkeit durch eine Vielzahl von Erfahrungen.
Und nicht zuletzt erleichtert das Lesen die Kommunikation zwischen den Menschen: Geteiltes Wissen, durch Lesen vermittelt, bietet eine gemeinsame Grundlage zur Vermittlung weiteren Wissens. Wortschatz, Fachsprache und subkultureller slang , durch Lesen angeeignet, stellen eine gemeinsame Sprache her. Und nicht zuletzt verbindet Menschen die gemeinsame Erfahrung, welche die Beschäftigung mit Sachtexten, Literatur und Poesie bietet. -Selbst das Internet basiert auf dem Verstehen von Schrift, und das Verständnis von Kinofilmen, Computerspielen und Fernsehformaten basiert auf den Mustern und Konventionen, die durch Romane und Sachtexte entwickelt wurden.
Eine der ältesten und bewährtesten Alternativen zu diesen neuen Medien ist in seinen Möglichkeiten längst nicht verbraucht, wie Hörspiele, Hörbücher und szenische Lesungen beweisen. Es ist...das Vorlesen.


2. Warum vorlesen?


Der Akt des Vorlesens hat viele wichtige Aspekte, die jene des Lesens ergänzen:
Es ist ein Akt der Gesellschaft, der Gemeinschaft. Wer vorliest, erhält ein Gefühl für seine Außenwirkung, die Modulation der Stimme, die Inszenierung von Inhalten sowie für die Wirkung, die das Vorgetragene auf die Zuhörer hat. Die Zuhörer dagegen machen Erfahrungen mit den Nuancen, die Stimme, Gestik und Körperhaltung beim Sprechen übermitteln können. Sie müssen ihre Konzentrationsfähigkeit bemühen und stärken, um den Vortrag folgen zu können.
Und nicht zuletzt werden Vorleser und Zuhörer durch die gemeinsame Erfahrung verbunden:
Kindern wird vorgelesen, sodass Erwachsene ihnen die Welt erschließen können. Menschen lesen einander vor, um Wissen zu verbreiten, eine Erfahrung zu teilen oder eine ästhetisch besonders gelungene Stelle hervorzuheben. Der eigentlich persönliche, jedem Leser nur einzeln erschließbare Akt wird so zum Binderglied zwischen Menschen.


3. Warum öffentlich vorlesen?


Literatur erschließt sich jedem Menschen persönlich. –Allerdings ist es ein besonderes Erlebnis, dies zusammen mit anderen tun zu können. Öffentliches Vorlesen holt den Akt des Verstehens aus der privaten in die öffentliche Sphäre. Im häuslichen Bereich richtet sich das Vorlesen an Menschen, die wir kennen. In der Öffentlichkeit dagegen verbindet es Menschen, die sich bislang nur wenig oder gar nicht kennen. Diese Menschen können nicht nur unterschiedlichen Familien oder sozialen Gruppen angehören, sondern sogar aus unterschiedlichen Schichten und Kulturen. Das gemeinsame Erlebnis kann hier Bande in einer Gesellschaft knüpfen, die vorher nicht da waren.


4. Warum ein Zyklus mit Lesungen?


Vorlesen ist eine wunderbar demokratische Angelegenheit: Jeder kann es, alles, was es dazu braucht, ist eine Stimme, einen Platz und einen Text.
Ebenso ist das geschriebene Wort, ganz besonders Poesie und Literatur, vielstimmig, zahlreich und von wunderbarer Unterschiedlichkeit. Eine einzelne Lesung mit einem Text und einer Stimme kann brillant, von perfekter Durchführung und so intellektuell wie emotionell erfüllend sein. –Der Welt der Bücher wird man jedoch viel eher gerecht, wenn man möglichst viele verschiedene Texte von verschiedenen Menschen vortragen lässt. Dies schließt die Lesung im Kindergarten ebenso ein wie das Projekt, „Nichts“ darzustellen, Niederdeutsches in gemütlicher Atmosphäre ebenso Gruselgeschichten unter freiem Himmel oder einen Vortrag auf dem jüdischen Friedhof.
Tatsächlich ist es im Projekt „Eine Samtgemeinde im Vorlesefieber“ möglich geworden, diese Vielfalt eine Woche lang wiedergeben zu können. Gedankt sein muss dies den zahlreichen Mitwirkenden, die sich in unzähligen Projekten beteiligen: Von der sozial engagierten Seniorin bis hin zum Grundschüler, vom hauptberuflich Kreativen bis zur Mitwirkenden im Sportverein. Sie alle zusammen zeigen, wie viel durch ehrenamtliches Engagement, Freude am Miteinander, Kreativität und die Verständigung auf ein gemeinsames Ziel möglich wird.